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Ulrich Dauscher
Die Frage der Haltung
oder die Haltung bei der Frage
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Das Geschehen in einem
Seminar, in einer Moderation, in einem Training wird wesentlich von dem
Verhältnis zwischen Teilnehmenden und Leitendem geprägt. In
einer neu zusammengesetzten Gruppe ist dafür besonders wichtig die
Haltung des Leitenden, sein Selbstverständnis, seine Handlungen. |
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Eine umwerfend neue
These ist das nicht. Wohl fast jeder Trainer würde sein
Selbstverständnis als "partnerschaftlich" bezeichnen, wollte seine
Teilnehmer als eigenständig, aktiv lernend sehen. Die konsequente
Umsetzung dieser Haltung scheitert allerdings oft. Sie drückt sich
bis in Feinheiten des Verhaltens aus, und sie kommt in Konflikt mit
angelernten, gewohnten Verhaltensweisen. |
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Kürzlich bereitete
ich zusammen mit einem Kollegen ein Training vor. Da es unsere erste
Zusammenarbeit war, war das gegenseitige Abtasten recht intensiv.
Über Einzelheiten wurde ausführlich diskutiert. |
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An einem scheinbar
unwichtigen Punkt gingen unsere Ansichten auseinander. In einer
frühen Phase eines straff durchstrukturierten Moderatorentrainings
sollten den Teilnehmern, bei Bedarf, Informationen über die
Besonderheiten einer Moderation im Vergleich zu nicht visualisierten
Besprechungen oder Diskussionen gegeben werden. |
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Mein Kollege wollte die
Informationen als "Lehrgespräch" mit einer Frage einleiten. Was
kann daran nur zu Widerspruch führen? |
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| Die erste Frage |
Der erste Vorschlag
meines Kollegen war der Einstieg über die Frage "Welche Probleme
gibt es in mündlichen Diskussionen oder Besprechungen?". Das Ziel
ist klar: Die Teilnehmer sollen aktiviert werden, sie sollen sich
Inhalte selbst erarbeiten und für noch zu gebende Informationen
"aufgeschlossen" werden. |
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Allerdings waren wir uns
schnell einig, daß die Frage nicht gut ist. Sie ist unaufrichtig,
denn sie fragt nach etwas, was der Fragende schon weiß. Probleme
mündlicher Diskussionen sind bekannt. Die Teilnehmer bekommen u.U.
das Gefühl, Stichwortgeber zu sein, nicht ernst genommen,
vielleicht gar in die Schule zurückversetzt zu werden. Sogar wenn
sie "richtig" antworten, tragen sie in keiner Weise zum
Erkenntnisgewinn bei. |
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| Die zweite Frage |
Meinem Kollegen ging es
aber darum, an den Erfahrungen der Teilnehmer anzusetzen. Er
formulierte daher um: "Welche Erfahrungen haben Sie mit mündlichen
Besprechungen bzw. Diskussionen?" |
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Gegen diese Frage ist
nach der obigen Argumentation nichts einzuwenden. Mit einem
unangenehmen Gefühl im Bauch stimmte ich zu: so sei der Einstieg
in Ordnung. |
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Das unangenehme
Gefühl aber verfolgte mich weiter. Ich konnte den Finger nicht
darauf legen, was mir so widerstrebte, und deswegen beschäftigte
mich die Frage immer wieder. Es wurde mir klar, daß sich hinter
der Auseinandersetzung über diese Frage eine andere Frage verbarg:
die Frage der Haltung des Trainers gegenüber den Teilnehmern. |
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| Lehrer... |
Noch einmal genauer: Was
soll mit der Frage eigentlich erreicht werden? |
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Erste Antwort: Der
Trainer will am Erkenntnisstand der Teilnehmer ansetzen. Er will seine
Informationen auf das Vorwissen zuschneiden. Aber: ist dazu die Frage
notwendig? |
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Nein. In diesem Fall
handelte es sich um Menschen, die genug Besprechungen und Diskussionen
erlebt hatten, um einen breiten Erfahrungshintergrund zu haben. Sie
hätten problemlos Informationen verarbeiten können, die daran
ansetzen - also den Vergleich zur Moderationsmethode. |
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Zweite Antwort: Der
Trainer will die Teilnehmer aktivieren, sie zur Mitarbeit bringen.
Aber: Um welche Mitarbeit geht es hier? Um das gemeinsame Erstellen
eines Produktes, zu dem die Beiträge aller gebraucht werden? Nein.
Es geht um die "Mitarbeit" an etwas, das schon fertig ist. Die
Aktivität an sich ist das Ziel. Das heißt, die Frage ist
manipulativ. Sie verfolgt einen ganz anderen Zweck, als den Teilnehmern
vorgespiegelt wird. Nicht selten wird das auch genau so empfunden. |
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Sicherlich werden die
Teilnehmer aktiviert. Aber dieser "Aktivierung" liegt die Einstellung
zugrunde, daß die Teilnehmer nicht von selbst aktiv werden. Und:
"Aktiviert" wird vor allem das Verhalten, auf Fragen zu antworten. Das
hat nichts mit der Förderung von Eigenaktivität und
selbstverantwortlichem Lernen zu tun. |
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Dritte Antwort: Die
frühe Phase eines Trainings bietet den Teilnehmern Orientierung
über den kommenden und erwünschten Arbeitsstil. Daher sollen
sie von Anfang an einbezogen werden und aktiv mitarbeiten. |
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Zweifellos ist der
Einstieg die Visitenkarte einer Veranstaltung. Aber hier wird ja gerade
eine Botschaft vermittelt, die gegen wirklich eigenständige
Mitarbeit wirkt. Die Teilnehmer sollen aktiv sein, wann und wie der
Trainer ihnen sagt! Der Trainer begibt sich in die Rolle dessen, der
zieht, antreibt, motiviert - und dieses Verhalten werden die Teilnehmer
auch weiter von ihm erwarten. |
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"Wer fragt, führt":
Das ist der Hintergrund der Einstiegsfrage. Der Trainer nimmt seine
Teilnehmer an der Hand und führt sie durch die Veranstaltung. Die
Haltung ist hierarchisch orientiert. Der Unterschied zum tief
verwurzelten Lehrer-Schüler-Vorbild liegt im Einsatz moderner
Methoden. |
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| ...oder Leiter |
Wo liegt die Alternative? |
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In meinem
Verständnis ist der Trainer eine Ressource der Teilnehmer. Er
stellt sich und seine Fähigkeiten zur Verfügung. Er belehrt
nicht, sondern ermöglicht und fördert das Lernen. Er plant
das Seminar und das Umfeld so, daß die Teilnehmer optimale
Bedingungen dafür vorfinden, ihrem Interesse nachzugehen - dem
Interesse zu lernen (mit mehr oder minder hohem sozialen Anteil). Er
führt und fordert, aber er gängelt nicht. |
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Zurück zur
Ausgangssituation. Der Trainer sollte nicht künstlich aktivieren,
sondern einfach informieren, wenn es denn notwendig ist. Wenn dazu
seitens der Teilnehmer Beiträge und Fragen kommen, dann ist das
schön. Wenn nicht, ist es auch schön. Die Entscheidung liegt
bei den Teilnehmern. Ihnen muß nur klar sein, daß ihre
Beiträge willkommen und erwünscht sind. Diese Botschaft
vermittelt der Trainer - neben dem Arrangement des Umfeldes und der
Wahl von Methoden - zentral durch seine Haltung, durch ein offenes,
echtes, interessiertes, zugewandtes Auftreten gegenüber den
Teilnehmern. |
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So viel Text zu einer
einzigen Frage? Eine Überinterpretation, zweifellos. Und doch ist
die Sache ein paar Gedanken wert. Sie ist ein paar Gedanken wert, weil
die Grundhaltung des Trainers - und ihre konsequente Umsetzung -
für seinen Umgang mit den Teilnehmern entscheidend ist. Und sie
ist ein paar Gedanken wert, weil man sich der eigenen Haltung nur
über Reflexion annähern kann. |
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Der Trainer als
Methodenkenner genügt nicht.
Erschienen in: GdWZ 9 (1998) 6, S.271f.
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