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Ulrich Dauscher
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| Die Moderationsmethode ist eine Form der Gruppenarbeit, mit der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung erleichtert werden. Übliche Diskussionsformen zeigen oft Schwächen. Während einer redet, sind die anderen zum passiven Zuhören verurteilt, das Gedächtnis wird überfordert, Redelöwen dominieren den Austausch, der rote Faden geht verloren. | ||||||||||||||||
| Die Moderationsmethode wird nach guten Erfahrungen in Planungen, Besprechungen und Problemlösungsprozessen zunehmend im Bildungsbereich eingesetzt. Sie ermöglicht den Beteiligten, ihr Wissen in die Zusammenarbeit einzubringen und voneinander zu lernen. | ||||||||||||||||
| Ein Beispiel | Mittwochmorgen, 9.00 Uhr: Die Mitarbeiter der Weiterbildungseinrichtung haben sich um drei Pinwände versammelt, um an diesem Vormittag gemeinsam die Frage anzugehen, welche Ziele ihre Institution verfolgen sollte. Die Diskussion ist vom Leiter der Stelle initiiert. Hintergrund ist, daß die Einrichtung einerseits einen öffentlichen Bildungsauftrag verfolgt, andererseits mit Ausnahme der Infrastruktur für die eigene Finanzierung zuständig ist. | |||||||||||||||
| Der Moderator, der nicht
zu den festen Mitarbeitern der Weiterbildungseinrichtung zählt,
leitet die Diskussion mit einer Einpunktfrage ein: "Für
wie wichtig halten Sie es, sich hier über Ziele der Einrichtung zu
verständigen?"
Jeder Beteiligte schreibt seine Antwort als Zahl auf ein kleines Kärtchen und gibt sie dem Moderator, z.B. eine 5 für "Ich halte die Verständigung über unsere Ziele für äußerst wichtig". Der Moderator setzt stellvertretend je einen Klebepunkt in die angegebenen Felder. Indem die Anonymität gewahrt wird, soll die Beeinflussung durch den anwesenden Leiter ausgeschlossen werden, von dem schließlich die Diskussion ausging; normalerweise würden die Teilnehmer selbst ihre Punkte kleben. |
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| Aus dem entstandenen Bild wird für alle Beteiligten sichtbar, daß die Zielfrage für alle bedeutsam ist. Der Moderator schreibt Interpretationen auf, die ihm zu der Punkteverteilung zugerufen werden: "Es gibt einander widersprechende Zielmöglichkeiten/-vorstellungen", "Höchste Zeit, Richtung festzulegen", "Ganze Menge unklar". | ||||||||||||||||
| Nachdem zum Aufwärmen geklärt wurde, welche Bedeutung dem Treffen zugemessen wird, wird mit zwei gleichzeitig gestellten Fragen die Bearbeitung des Themas eingeleitet: "Was soll die Weiterbildungseinrichtung Ihrer Meinung nach tun?" und "Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?". | ||||||||||||||||
| Jeder schreibt die
Antworten für sich in großer Schrift auf Kärtchen und
gibt sie dem Moderator. Als alle Kärtchen eingesammelt und, um die
Anonymität zu wahren, durchgemischt sind, werden sie laut
vorgelesen, nach inhaltlicher Zusammengehörigkeit auf
Pinwänden gruppiert und mit einem grob kennzeichnenden Oberbegriff
versehen. Auf diese Art ergeben sich 18 Kartengruppen, u.a.:
Nachdem mit dieser Kartenabfrage die Wünsche und Vorstellungen zusammengetragen, für alle sichtbar festgehalten, geordnet und mit einer groben Bezeichnung versehen sind, werden die entstandenen Kartengruppen mit einer Mehrpunktfrage gewichtet. Jeder Beteiligte erhält sieben Klebepunkte, mit denen er kennzeichnet, was er als vorrangig ansieht. Die Bedeutung der Vorschläge wird so von der ganzen Gruppe und nicht von denjenigen definiert, die als erste und/oder am lautesten das Wort ergreifen, wie dies oft bei mündlichen Auseinandersetzungen der Fall ist. |
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| Im nächsten Schritt wird der Inhalt der hoch bewerteten Kategorien zu Zielaussagen umformuliert, z.B. "Die Einrichtung soll ein teilnehmerorientiertes Programm aufstellen" oder "Die Einrichtung soll das Angebot im Bereich Wissenschaft und Technik erweitern". | ||||||||||||||||
| In Dreiergruppen suchen sich die Teilnehmer Zielformulierungen aus und untersuchen diese auf damit verbundene Schwierigkeiten und auf praktische Umsetzungsmöglichkeiten. Sie visualisieren die Ergebnisse ihrer Analyse und stellen sie dem Plenum vor. Dort werden sie kurz diskutiert und - schriftlich - ergänzt. Teilweise stellen sich dabei schon Verbindungen der Ziele untereinander heraus. So gibt es für die Ausweitung des Programms im Bereich Wirtschaft und Technik nicht genug Dozenten; erweiterte Öffentlichkeitsarbeit, die vorher ebenfalls schon als Ziel formuliert wurde, könnte bei der Gewinnung neuer Kräfte helfen. | ||||||||||||||||
| Den Abschluß der Moderation bildet, ebenso wie den Einstieg, eine Einpunktfrage. Anhand des gleichen Rasters wie am Anfang bewerten die Beteiligten, wie sehr die Veranstaltung sie in ihrer Zieldiskussion weitergebracht hat. Die Endpunkte des Rasters sind diesmal mit "überhaupt nicht" bzw. "äußerst stark" bezeichnet. In der Interpretation des entstandenen Bildes zeigt sich, daß das Thema an diesem Vormittag nicht abschließend behandelt werden konnte, für die Fortsetzung der Diskussion aber eine gute Grundlage geschaffen wurde. Zielvorstellungen und ihre Wertigkeit seien klar geworden, beispielhaft seien mit Zielen verbundene Probleme und Realisierungsmöglichkeiten herausgearbeitet worden. | ||||||||||||||||
| Alles in allem zeigen sich die Beteiligten mit dem für sie neuen Vorgehen sehr zufrieden. Es sei teilweise schwierig gewesen, Gedanken in wenige Worte zu fassen, um sie auf Kärtchen zu schreiben. Auch der vorläufige Verzicht auf Diskussionen, das Stehenlassen von Widersprüchen, sei ungewohnt. Die Produktivität des Treffens sei aber gerade aufgrund dieser Vorgehensweise hoch gewesen. | ||||||||||||||||
| Moderationsmethode und mündliche Diskussion |
Im Vergleich zu üblichen mündlichen Auseinandersetzungen war in dieser Kurzmoderation intensiveres und konzentrierteres Arbeiten möglich. Durch die weitgehende Visualisierung der Inhalte erübrigte es sich, alles Wichtige im Gedächtnis zu behalten. Die Teilnehmer konnten sich vollständig auf das aktuell Anstehende konzentrieren. | |||||||||||||||
| Dadurch wurde es möglich, Schritte in der Meinungsbildung klar zu trennen. Schwerpunktsetzungen wurden erst vorgenommen, nachdem viele Informationen gesammelt und in ihren Zusammenhängen geordnet waren. Und erst nachdem Schwerpunkte gebildet waren, wurden die wichtigen Zielsetzungen genauer betrachtet. So war immer ein roter Faden sichtbar, und die Diskussion fuhr sich nicht an einzelnen, möglicherweise unwichtigen Punkten fest. | ||||||||||||||||
| Jeder Beteiligte hatte gleichen Einfluß auf die Festlegung dessen, was als wichtig galt. Die sonst übliche Dominanz von Vorgesetzten oder Vielrednern wurde vermieden. Auch bei anderen Schritten, etwa dem Zusammentragen der einzelnen Vorstellungen von den Aufgaben der Einrichtung, konnte sich jeder gleichermaßen einbringen. Ansonsten eher schweigende Teilnehmer wurden aktiviert; ebenso wie die anderen schrieben sie ihre Gedanken auf und nahmen Bewertungen vor. | ||||||||||||||||
| Grundzüge der Moderationsmethode |
Die Moderationsmethode ist eine Möglichkeit, Meinungsbildungsprozesse gegenüber üblichen Diskussionsformen effizienter zu gestalten. Ihre Grundzüge wurden Anfang der 70er Jahre im Quickborner Team entwickelt, der heutigen Metaplan® GmbH. | |||||||||||||||
| Der erste Baustein der Moderationsmethode ist die weitgehende Visualisierung der Inhalte der Auseinandersetzung. Pinwände, Kärtchen in verschiedenen Formen und Farben, Filzstifte und Klebepunkte ermöglichen das schnelle Zusammentragen, Strukturieren und Bearbeiten von Informationen. Da sowohl der Gesamtzusammenhang als auch Details jederzeit sichtbar sind, wird konzentriertes, sachliches und systematisches Arbeiten möglich. | ||||||||||||||||
| Der zweite Baustein ist die Leitung der Auseinandersetzung durch einen Moderator, der inhaltlich keinen Einfluß nimmt. Seine Aufgabe besteht darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten ihre Ressourcen optimal nutzen können. Er kümmert sich um das organisatorische und räumliche Umfeld der Moderation, er fördert ein angenehmes Arbeitsklima und strukturiert den Prozeß der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. | ||||||||||||||||
| Die Prozeßplanung führt zum dritten Baustein der Moderationsmethode, zu den Frage- und Antworttechniken. Frage-/Antworttechniken sind Verfahren, mit denen bestimmte Schritte im Prozeß der Meinungsbildung bewältigt werden können. Einige typische Instrumente wurden im Beispiel gezeigt: die Einpunktfrage, mit der Meinungen oder Stimmungen in einer Gruppe sichtbar gemacht werden können, die Kartenabfrage, die zum Sammeln und Strukturieren von Informationen dient und die Mehrpunktfrage, mit der Bewertungen vorgenommen und so Entscheidungen vorbereitet werden können. Gezeigt wurde auch die Kleingruppenarbeit. Der Wechsel von Einzel-, Kleingruppen- und Plenumsarbeit je nach den sachlichen und sozialen Anforderungen einer Situation ist eines der wichtigsten Arbeitsmittel in der Moderation. | ||||||||||||||||
| Aktivität der Beteiligten | Moderationen ziehen sich teilweise über mehrere Tage und leben völlig von der Aktivität der Beteiligten. Neben entsprechender Pausenplanung, Methodenabwechslung und der Motivation durch das Erleben effizienter Arbeit gibt es einige für die Moderation typische Ansätze, diese Aktivität zu sichern. | |||||||||||||||
| Ein Aspekt ist die Betonung der Selbständigkeit und Selbstbestimmung der Moderierten. Der Moderator vermittelt in seinem Verhalten konsequent, daß er nicht für die Inhalte der Diskussion oder für die Maßregelung einzelner Teilnehmer zuständig ist, wenn er auch einen förderlichen Rahmen für die Zusammenarbeit zu schaffen versucht. So übernehmen die Beteiligten zunehmend Verantwortung für das Geschehen. Die Neigung, Ratlosigkeit oder unangenehme Aufgaben an den Leiter abzuschieben, nimmt ab. | ||||||||||||||||
| Konsensorientierung ist ein weiteres Prinzip der Moderation. Wenn alle ihr Wissen und Können einbringen sollen, dürfen nicht einzelne zurückgesetzt werden. Genau dies geschieht aber, wenn Entscheidungen in Abstimmungen getroffen werden, seien es Entscheidungen über Schwerpunktsetzungen in den Inhalten oder über die Verteilung von Aufgaben. Den "Gewinnern", die ihre Meinung durchsetzen konnten, stehen wütende, enttäuschte oder resignierte Verlierer gegenüber. Mit Abstimmungen werden Rückzugsverhalten und unnötige Konflikte gefördert. | ||||||||||||||||
| Ein weiterer sozialer und psychischer Hygienefaktor ist Transparenz in der gemeinsamen Arbeit. Ist die Situation für alle durchschaubar, so werden unnötige Unsicherheiten vermieden. Auf methodischer Ebene sollte daher immer deutlich sein, an welcher Stelle des Arbeitsprozesses sich die Gruppe befindet und was warum getan wird. Inhaltlich gesehen wird durch die Visualisierung ein einheitlicher Informationsstand gefördert, und bezüglich bestimmter Einstellungen, Meinungen, der Arbeitszufriedenheit und -atmosphäre können Einpunktfragen Klarheit schaffen. | ||||||||||||||||
| Anwendungsbereiche | Die Moderationsmethode wird seit Jahren in Besprechungen, Planungen oder Problemlösungen eingesetzt, wenn die Fähigkeiten mehrerer Menschen genutzt oder Betroffene einbezogen werden sollen. Zunehmend scheint sie sich im Bildungsbereich zu etablieren. Hier kann sie im Grunde überall angewendet werden, wo die Teilnehmer mehr wissen als der Leiter, z.B. wenn Inhalte mit den Ressourcen der Teilnehmer erarbeitet werden sollen, beim Transfer von vermitteltem Wissen auf das Alltagsleben oder einfach um Feedback zu bekommen. Dem weiten Anwendungsfeld entsprechend liegt auch der zeitliche Rahmen einer Moderation zwischen mehreren Tagen und, beim Einsatz einzelner Elemente, einigen Minuten. | |||||||||||||||
| Anwendungsgrenzen bestehen v.a. dann, wenn das Interesse oder das Wissen der Beteiligten zur selbständigen Behandlung des Themas nicht ausreicht oder wenn zwischen ihnen so starke Konflikte bestehen, daß sie an einer sachlichen Zusammenarbeit nicht interessiert sind. Unangebracht ist die Moderationsmethode auch dann, wenn das Thema nicht komplex genug und/oder die Anzahl der Teilnehmer gering ist. In diesem Fall besteht kein angemessenes Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis. | ||||||||||||||||
| Die Moderationsmethode
kann in vielen Situationen die produktive Zusammenarbeit von Menschen
unterstützen. Gerade im Bildungsbereich wäre ihr eine noch
weitere Verbreitung zu wünschen. Aus ihrer Kenntnis ergeben sich
nicht zuletzt oft neue Perspektiven im Umgang mit Gruppen.
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